9. FernsehKrimi-Festival 2013

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Foto: FernsehKrimi-Festival / Uwe Dettmar

Herausragende Filme bei der neunten Ausgabe (6. bis 9. März)

Mit einer rauschenden Gala in der Caligari FilmBühne, moderiert von Ingo Zamperoni (Tagesthemen), ging am Samstag, den 9. März 2013 die neunte Ausgabe des FernsehKrimi-Festivals Wiesbaden zu Ende. Gewinner des Deutschen FernsehKrimi-Preises 2013 ist die WDR-Produktion Mord in Eberswalde. Mit dem Publikumspreis 2013 wurde der Regisseur Martin Enlen für Bella Block – Unter den Linden (ZDF) ausgezeichnet. Die zwei Sonderpreise für herausragende Leistungen holten sich Isabel Kleefeld (Im Netz, WDR) für die beste Regie und Alexander Adolph für das beste Drehbuch (Tatort – Der tiefe Schlaf, BR) ab. Dem Krimi-Jahrgang 2012/13 hatte die prominent besetzte Jury zuvor hohe Qualität bescheinigt: Der Trend in einem lange Zeit allzu stabilen Genre geht erkennbar hin zu komplexeren Charakteren und Geschichten – denn immer mehr Autoren verabschieden sich von der Fall-Aufklärungs-Routine nach Schema F.

Das FernsehKrimi-Festival Wiesbaden – vier Tage im Visier der Branche
Zugegeben: Nicht jeder TV-Krimi ist Grimme-Preis-verdächtig. Dazu werden schlicht zu viele Kriminalfilme produziert. Nimmt man jedoch – wie beim FernsehKrimi-Festival Wiesbaden – die Besten eines Jahrgangs in den Fokus, wird klar, zu welcher Qualität das Genre fähig ist. Zudem wird viel Sorgfalt darauf verwendet, den optimalen Rahmen für die Filme zu schaffen. Die zehn Wettbewerbsbeiträge sind eingebettet in Gespräche mit den Machern und werden auf der großen Leinwand präsentiert. Denn dieses Festival schaut sehr genau hin. Es sucht nach Mustern und spürt neue Tendenzen auf.

Das Wiesbadener Publikum weiß es zu schätzen, was die Caligari FilmBühne zuverlässig an ihre Kapazitätsgrenzen bringt. Auch für die künstlerischen Produktionsteams sind die vier Tage im Frühjahr professionelles Muss und persönliche Bereicherung zugleich. Hier besteht die seltene Chance, die direkte Reaktion der Zuschauer auf ihre Filme zu erleben und über den eigenen Tellerrand zu blicken. Hier wird nach jeder Vorstellung analysiert, nachgefragt und diskutiert. Und nicht zuletzt schärft der Direktvergleich mit den neun anderen nominierten Produktionen die eigene künstlerische Positionsbestimmung.

Foto: Uwe Dettmar

Foto:  FernsehKrimi-Festival / Uwe Dettmar

Das Begleitprogramm arbeitete ebenfalls an der Aufklärung der Hintergründe: Mit großer Fachkompetenz ging es hier um den Einfluss der ästhetisch und erzählerisch innovativen internationalen TV-Serien auf Sehgewohnheiten, Rezeption und Dramaturgie des deutschen Kriminalfilms. Das Erfolgsrezept des Wiesbadener Festivals hat einmal mehr Wirkung gezeigt. Rund 4.700 Zuschauer zählten die Veranstalter dieses Mal – inklusive zahlreicher Branchenbesucher und Schauspielstars wie Anja Kling, Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl, Ulrike Krumbiegel oder Caroline Peters.

Rose-Lore Scholz, Kulturdezernentin der Landeshauptstadt Wiesbaden, zieht daher ein sehr positives Resümee des Festivals 2013: „Der Verlauf und die Resonanz des diesjährigen FernsehKrimi-Festivals haben unterstrichen, dass diese Veranstaltung für die Filmstadt Wiesbaden von außerordentlicher Bedeutung ist. Zahlreiche Akteure der Filmbranche kamen zum Wettbewerb, der Gala und dem Begleitprogramm. Die Kooperation zwischen der Stadt Wiesbaden, der Murnau-Stiftung, der Hessischen Filmförderung und den Sendeanstalten konnte weiter ausgebaut werden. Insofern ist dieses Festival ein wichtiger Beitrag für die Vernetzung der örtlichen Filmbranche und ein Meilenstein für die Entwicklung der Filmstadt Wiesbaden.“

Ermittlungen erfolgreich abgeschlossen – die Preisträger 2013
Vier intensive Tage und eine schwierige Entscheidung liegen hinter der Experten-Jury, die den Auftrag hatte, die Preisträger des Deutschen FernsehKrimi-Preises 2013 zu identifizieren. Der Aufgabe stellten sich Gaby Goebel-Andreas vom Hessischen Landeskriminalamt, der Regisseur Andreas Kleinert ( Schimanski, Polizeiruf 110), die Schauspielerin Leslie Malton, die vielfach ausgezeichneten Krimi-Autorin Andrea Maria Schenkel sowie Ernst Szebedits von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden.

Mord in Eberswalde

Foto: WDR/Wolfgang Ennenbach

Deutscher FernsehKrimi-Preis 2013
Mord in Eberswalde von Stephan Wagner
Redaktion: Nina Klamroth, WDR
Produktion: Martin Zimmermann und Christian Becker, Westside Filmproduktion
Das Produktionsteam kann sich neben der Ehre über eine ganz besondere Preis-Gabe freuen: 1.000 Liter erlesenen Rheingauer Weins.

Die Begründung der Jury: Ein Film, der hinter Mauern spielt, aber grenzenlos frei ist – frei von jeglichen Konventionen der Darstellung. Das Leben in der DDR der frühen 70er Jahre erscheint so selbstverständlich und absolut stimmig, wie man es selten im deutschen Fernsehen erlebt hat. Es ist die Präzision, Menschlichkeit und innere Haltung von Regisseur Stephan Wagner und Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt, die den Unterschied macht – zusammen mit dem Kameramann Thomas Benesch, der mit seiner außergewöhnlichen Farbgestaltung und starken Bildern den Film aus dem Fernsehformat ins Kino transportiert. Ebenso makellos wie die Atmosphäre und Ausstattung ist die universale Geschichte: gesellschaftspolitisch und psychologisch relevant weit über das Genre Krimi und die real existierende DDR hinaus, ohne einen Hauch von Pädagogik und lange nachwirkend. Glaubhaft besetzt bis in die kleinsten Rollen, ragen in diesem Film doch zwei Schauspieler heraus: Ronald Zehrfeld und Florian Panzner, Volkspolizist und Stasi-Major, alte Freunde und eingespieltes Ermittler-Tandem, die zu immer verbisseneren Gegenspielern werden. Unser bester Film, der uns – gleichgültig in welcher Kategorie – absolut überzeugt hat.

Foto: ZDF / Volker Roloff

Foto: ZDF / Volker Roloff

Preis der Publikumsjury
Bella Block – Unter den Linden (ZDF)
Regie: Martin Enlen
Begründung der Jury:
Wir haben nun zehn Filme gesehen, waren uns nicht immer einig, aber dieser Film war sofort unser gemeinsamer Favorit. Die Beschreibung im Programmheft könnte es nicht besser wiedergeben: „Es geht um die Menschen, die Alten, die Übriggebliebenen, die Vergessenen, die Einsamen und Armen“. Wir alle wissen: Armut und Einsamkeit im Alter sind aktuelle gesellschaftliche Themen von hoher Brisanz. Die Hauptfigur ist in all der sie umgebenden Düsternis ein echter Lichtblick, es gibt immer wieder Situationen, die uns Zuschauer auf eine amüsante Art und Weise aufatmen lassen.
Der Film ist ausgesprochen rund – es passt alles zusammen. Die Kameraarbeit, die Motive, die Geschichte und nicht zuletzt die herausragenden Darsteller, die bis in die Nebenrollen wunderbar besetzt sind. Gefallen hat uns auch der realistische, unverkitschte Blick auf die Einwohner Berlins und ihre ganz eigene Mentalität. Ein Film, der berührt.

Kleefeld

Foto: FernsehKrimi-Festival / Uwe Dettmar

Sonderpreis für eine herausragende Leistung
Isabel Kleefeld für die Beste Regie – Im Netz (WDR)
Begründung der Jury:
Zunächst hört sich die Ausgangslage eher harmlos an – Identitätsdiebstahl im Netz. Kein Blut, keine Leiche, keine Gewalt. Dass der virtuelle Diebstahl jedoch im wahrsten Sinne des Wortes ein Leben raubt und zum psychologischen Mord wird, das macht die Regisseurin Isabel Kleefeld nicht nur absolut plausibel. Der Film baut ein atemberaubendes, umfassendes Spannungsfeld auf, das den Zuschauer durchgängig in seinen Bann schlägt. Der in jeder Hinsicht überzeugenden Caroline Peters als erfolgreicher Unternehmensberaterin wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Sie beginnt, allem und jedem zu misstrauen. Unwiederbringlich verloren ist ihr quasi-naives Vertrauen in die Welt und einen funktionierenden Alltag. Ein temporeicher Thriller, der auch deshalb lange nachklingt, weil er dazu angetan ist, unser alle Gewissheiten zu erschüttern. Ein topaktuelles Thema, fulminant umgesetzt.

Foto: Uwe Dettmar

Foto: FernsehKrimi-Festival / Uwe Dettmar

Sonderpreis für eine herausragende Leistung
Alexander Adolph für das Beste Drehbuch – Tatort – Der tiefe Schlaf (BR)
Begründung der Jury:
In seinem dritten Münchner Tatort konfrontiert Autor und Regisseur Alexander Adolph das altgediente Ermittler-Duo mit einem übereifrigen jungen Kollegen aus Norddeutschland, der die grantigen alten Hasen in ihrer Routine stört. Eine nicht ungewöhnliche Konstellation, der Adolph freilich gänzlich neue und emotional sehr berührende Facetten abgewinnt. Seine wunderbar geschlossene Geschichte mit einem außerordentlich überraschenden, innovativen Schluss setzt auf präzise konturierte Persönlichkeiten, statt die üblichen Spielchen zur Spannungssteigerung zu bemühen. Wie Fabian Hinrichs als Gisbert Engelhardt auf tragische Weise zu spät die Sympathie und den Respekt seiner Kollegen – und mit Sicherheit auch der Zuschauer– erringt, geht unter die Haut. Eine grandiose schauspielerische Leistung, auf der inspirierenden Basis eines Ausnahme-Drehbuchs. In einer idealen Welt müsste es mehr solcher Fernsehkrimis geben.

Über das FernsehKrimi-Festival Wiesbaden
Alle Jahre zieht es die Branche und ein zahlreiches Fanpublikum in die atmosphärisch reizvolle Wiesbadener Caligari FilmBühne, um herausragende Fernsehkrimis im Kino zu genießen. Über den Wettbewerb hinaus bietet ein substantielles Rahmenprogramm mit prominenten Gästen, Lesungen und weiteren Screenings Hintergründiges rund um den Kriminalfilm. Höhepunkt des Festivals ist die große Gala mit der Verleihung des Deutschen FernsehKrimi-Preises. Hinzu kommen der Publikumspreis sowie zwei Sonderpreise für herausragende Einzelleistungen. Die Gewinner kürt eine hochkarätige Jury aus Film- und Fernsehstars, profilierten Branchenvertretern und echten Ermittlern.

Das FernsehKrimi-Festival ist eine Veranstaltung des Kulturamts der Landeshauptstadt Wiesbaden und des Medienzentrums Wiesbaden e.V., mit freundlicher Unterstützung durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst, den Hessischen Rundfunk, Škoda Auto Deutschland, satis&fy und Weingut Udo Ott in Kooperation mit der Hessischen Filmförderung und dem Wiesbadener Kurier.

Foto: Uwe Dettmar

Foto: FernsehKrimi-Festival / Uwe Dettmar